Gettysburg

     

 

Im Herbst 1862 verebbten die Gegenoffensiven der Konföderierten im Osten wie im Westen. Drei Wochen, nachdem Lee (Robert E. Lee) Maryland wieder geräumt hatte, zogen sich die Südstaatler nach der unentschiedenen Schlacht von Perryville aus Kentucky zurück. Auch ein versuch , den wichtigen Eisenbahnknotenpunkt Corinth in Mississippi zurückzuerobern, scheiterte Anfang Oktober in einer blutigen Schlacht.

Nun war es wieder an den Nordstaaten, zum Angriff überzugehen. Grant bereitete im Westen einen Vorstoß auf Vicksburg, das letzte Bollwerk der Konföderierten am Mississippi, vor. Im Osten setzte Ambrose E. Burnside, der Nachfolger McClellans, die

Potomac – Armee in der direkten Route auf Richmond in Marsch. Ab Mitte November

stand er bei Fredericksburg seinen gefürchteten Gegner gegenüber. Nach umfangreichen Vorbereitungen begannen die Unionstruppe mit 122 000 Mann den Rappahannock zu überschreiten. Less Nordvirginia – Armee stand mit 78000 Mann jenseits von Fredicksburg auf einem Höhenzug in einer hervorragenden Verteidigungsstellung. Trotzdem beschloß Burnside den Frontalangriff.

Er fand am 13 Dezember statt und scheiterte vollkommen. 13 000 Nordstaatler bedeckten am Abend das Feld , und Lee hatte die Karriere eines weiteren Generals zerstört. Das auf offentsichtliche Inkompetenz zurückzuführende Desaster  brach vorerst den Offensivgeist der Potomac Armee und lastete schwer auf der Stimmung des Nordens in diesem zweiten Kriegswinter.

Auch im Westen endet die Operationen des Jahres 1862 mit Mißerfolgen der Union. In zwei Gruppen rückte Grants Armee Ende Dezember nach Vicksburg vor. Die Bewegung der einen kam zum Stillstand, als Forrests Kavallerie im Rücken angriff und Grants Operationsbasis zerstörte. Die andere unter Sherman, die zu Schiff vorging, wurde blutig abgewiesen. „Ich errichte Vicksburg zum festgesetzten Zeitpunkt, landete, griff an und scheiterte“, faßte der Kommandeur in cäsarischer Kürze das Ereignis zusammen. Grant gab die Unternehmung gegen Vicksburg aber keinesfalls auf.

Den Winter und das ganze Frühjahr 1863 hindurch beschäftigte er seine Soldaten mit vergeblichen Versuchen, an Vicksburg durch Anlage von Kanälen und weit ausholende Umgehungsmanöver vorbei zukommen. Hartnäckige, durch Mißerfolge nicht zu erschütternde Zielstrebigkeit gehörte zu den größten Vorzügen Grants und unterschied ihn deutlich von den wechselnden Kommandeuren im Osten. Lincoln wußte diese Eigenschaften zu schätzen. „Ich kann auf den Mann nicht verzichten, er kämpft“ erwidert er Kritikern des als Trinker geschmähten Generals.

Genau zum Jahreswechsel fand in Tennessee noch eine der verlustreichsten Schlachten im Westen statt. Braxton Bragg fiel mit seinen 35 000 Konföderierten bei Murfreesboro oder Stones River am 31. Dezember völlig überraschend über die etwas stärkere Armee seines Gegners Rosecrans her und verfehlte es nur knapp, dieser eine Niederlage vernichtenden Ausmaßes beizubringen. Im entscheidenden Augenblick verlor Bragg die Nerven und vermochte nicht, die Früchte seiner geschickten Planung zu ernten, eine Eigenschaft, die er noch öfters beweisen sollte. Als er am 2 Januar 1863 den Angriff erneuert, hatte der Feind seine Position gefestigt, und Bragg brach die Schlacht ab, die weiteren 25 000 Mann Tod und Verwundung gebracht hatte.

 

 

                      

 

 

Zu Beginn des Jahres 1863 schien die Situation an allen Fronten festgefahren zu sein. Grant mühte sich zäh, aber ohne greifbare Resultate am Mississippi ab, in Tennessee waren die Gegner nach der Schlacht von Murfreesboro auf ihre Ausgangsposition zurückgegangen, in Virginia standen sich R.E. Lee und Burnside nach wie vor bei Fredericksburg gegenüber. Die starke taktische Stellungen Lees hatte den Nachteil, daß er seinerseits auch nicht angreifen konnte, ohne auf freien Feld in das Feuer der massierten Unionsartillerie zu kommen. Ende Januar wurde dann Brunside abgelöst, und an seine Stelle trat der als kampflustig geltende Joseph Hooker. „Fighting Joe“, wie die Presse ihn hoffnungsfroh nannte, erwies sich sogleich als vorzüglicher Organisator. Es war zweifellos die schlagkräftigste Armee, die die Union bis dahin besessen hatte, die Hooker Ende April 1863 in Marsch setzte, um die Operationen wieder in Bewegung zu bringen und R.E.Lee endlich die entscheidende Niederlage zuzufügen. Der Chancellorsville Feldzug hatte begonnen, einer der bemerkenswertesten der Kriegsgeschichte.

Zahlenmäßig waren die Voraussetzungen für einen Sieg Hookers denkbar günstig. Er verfügte über fast 134 000 Mann , denen die durch Detachierungen geschwächte Armee von Nordvirginia keine 61000 entgegenstellen konnte. Der Plan Hookers war gut und sollte die Überlegenheit der Unionstruppen zu größtmöglicher Wirkung bringen.

Während ein Drittel der Armee unter Sedgwick bei Fredicksburg zurückblieb und R.E.Lees Aufmerksamkeit durch Scheinangriffen binden sollte, setzte Hooker die Masse seiner Armee zu einer weit nach Westen ausholenden Bewegung gegen den Rücken der feindlichen Stellungen an. R.E.Lee blieb nur die Wahl, einen der beiden Flügel Hookers anzugreifen und dann fast unweigerlich zwischen der Übermacht zerdrückt zu werden oder seine Position bei Fredericksburg schleunigst aufzugeben und sich nach Süden zurückzuziehen.

 

Der konföderierte Kommandeur, der von seiner Kavallerie sehr rasch über den Anmarsch des Gegners informiert wurde, reagierte jedoch in einer von Hooker ganz und gar unvorhergesehenen Art und Weiße. Er ließ 10 000 Man unter Early in den Fredericksburg – Stellungen, und wandte sich mit den verbleibenden 51 000 am 1.Mai gegen Hookers Hauptmacht. Diese war, nachdem sie den Rappahannock und den Rapidan überschritten hatten, in dicht bewaldetes, völlig unübersichtliches Gelände geraten, die sogenannte „Wilderness“. Dabei kam der Vormarsch der verschiedenen Kolonnen ins Stocken, und  eine ungleichmäßige Front entstand. Als Hooker von Lee Gegenbewegung erfuhr, ließ er seine Armee endgültig anhalten, um sich zur Verteidigung einzurichten.

 Am Abend des 1.Mai  erfuhr Lee von Stuart, daß Hookers rechter Flügel ohne Anlehnung in der Luft hing. Er faßte nun einen Plan, der an  Kühnheit nicht mehr zu überbieten war. Während er selbst mit nur 17 000 Mann von der Front Hookers stehenblieb, um dessen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und einen  bevorstehenden Angriff an diesem Abschnitt vorzutäuschen, schickte er Jackson mit 26 000 auf einer 25 Kilometer langen Marsch, der ihn unter der Nase des Gegners, nur durch das Dickicht geschützt, an  der Front der Unionstruppen vorbei in deren offene Flanke führte. Der 2. Mai wurde zu einer ungeheuren Nervenprobe. Hooker, dem Jackson Marschbewegung nicht unbekannt blieb, hielt sie für den Beginn des erwarteten Rückzug der Nordvirginia – Armee und verharrte in Passivität. R.E.Lee horchte verzweifelt nach Jackson Kanonendonner aus dem Westen, der bis zum Abend auf sich warten ließ. Dann hatte „Stonewall“ seine Angriffswellen im Gebüsch formiert und ließ sie mit Verheerenden Erfolg auf den ahnungslosen, vor allem aus deutschen Truppen gebildeten rechten Flügel des Gegners losbrechen.

In der Dunkelheit ritt Jackson mit seinem Stab noch einmal in das Dickicht, um das Gelände für die Fortsetzung des Angriffs zu erkunden. Konföderierte Infanterie hielt die Reitergruppe für Feinde und eröffnete das Feuer. Drei der Geschosse trafen den General und verwundeten ihn lebensgefährlich. Stuart übernahm das Kommando über seine Truppen. Die plötzliche Niederlage seines rechten Flügels warf Hooker völlig aus der Gleichgewicht . Obwohl er nach wie vor über eine drückende Übermacht verfügte und die Flügel des Feindes sich noch nicht vereinigt hatten, dachte er nur mehr an Rettung seiner Armee und überließ die Initiative vollkommen seinen Gegner. Selten wurde eine Schlacht so ausschließlich von der geistigen Überlegenheit eines Feldherrn über seinen Gegenspieler entschieden wie die bei Chancellorsville.

Den ganzen 3.Mai über stürmten die Konföderierten unentwegt durch die brennenden Wäldern gegen Hookers Verteitigungslinien an und waren im Begriff, die Hauptmacht der Potomac – Armee in den Rappahannock zu drängen, als die Nachricht eintraf, daß Sedgwick endlich die schwach besetzten Höhen bei Fredericksburg überrannt hatte und nun Lees siegreiche  Truppen im Rücken bedrohte. Der konföderierte Kommandeur ließ einen Teil seiner Armee zur Überwachung Hookers zurück, warf sich am 4.Mai mit den Rest auf den neuen Gegner und schlug ihn bei Salem Church. Die Nordstaatler waren nun überall im Rückzug, und Lee hatte einen Sieg errungen, der sich gut vergleichen läßt mit taktischen Meisterleistung wie Cannae, Leuthen oder Austerlitz. 

Aber der Sieg war teuer erkauft. Nicht nur hatte die Armee von Nordvirginia fast

13 000 Mann verloren – der Gegner über 17 000, am 10.Mai erlag „Stonewall“ Jackson seinen Wunden. Die Zusammenarbeit mit seinem großen Unterführer hatte die Verwirklichung der kühnen Pläne Lees einzunehmen. Was der Verlust Jacksons für die Armee von Nordvirginia und den ganzen Süden bedeutete, sollte bereits der nächste Feldzug in aller Deutlichkeit zeigen.

Chancellorsville brachte Lee die strategische Bewegungsfreiheit zurück. Wie sollte er sie nützen? Im Westen verschlechterte sich die Situation zusehends.                                  

 

                                                             

 

 

 

Grant war es Anfang  Mai gelungen, Vicksburg südlich zu umgehen und vom Hinterland abzuschneiden; eine lange Belagerung begann. Lee konnte jetzt Teile seiner siegreichen Armee nach Westen schicken, um dort die Lage endlich zu stabilisieren, oder er konnte versuchen, wie im September 1862, die Offensive im Osten zu ergreifen und eine positive Entscheidung auf den Boden des Nordens zu erzwingen.

Eine weitere Niederlage, die wahrscheinlich den Fall der einen oder anderen bedeutenden Stadt nach sich gezogen hätte, wäre von der Bevölkerung der Nordstaaten wohl nur schwer ertragen worden und hätte eine europäische Intervention wieder in greifbare Nähe gebracht. Lee entschloß sich für diese Alternative, und Anfang Juni setzte sich die auf fast 80 000 Mann verstärkte Armee von Nordvirginia in nordwestlicher Richtung in Marsch und stieß bis nach Pennsylvania vor.

Hooker folgte dieser bogenförmigen Bewegung auf einem kürzeren Radius, um Washington zu schützen. So kam es, daß Ende Juni die konföderierten Truppen  nördlich der Potomac – Armee standen. Die große Schlacht fand an einem Ort statt, wo beide Seiten sie nicht geplant hatten, bei Gettysburg, einem Landstädtchen in Südpennsylvania, knapp 100 km nördlich von Washington.   

Konföderierte Infanterie, die Schuhe requirieren wollte, stieß am morgen des 1.Juli 1863 westlich von Gettysburg auf feindlichen Kavallerie. In das daraus entstehende Gefecht warfen beide Seiten mehr und mehr der in der Nähe stehende Truppen. Die Südstaatler

Konzentrierten ihre Einheiten schneller und gewannen das Begegnungsgefecht dieses Tages, erlaubten es aber dem Gegner, sich auf dem Friedhofshügel südlich der Stadt, einer sehr guten Verteidigungsstellung, festzusetzen.

Lee wollte am nächsten Tag den –Angriff unverzüglich fortführen, aber seine Korpskommandeure zögerten bis weit in den Nachmittag hinein. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Unionsarmee, die seit einigen Tagen wieder einen neuen Befehlshaber, George Gordon Meade, besaß, die Masse ihrer Truppen auf dem Friedhofshügel und den sich nach Süden anschließenden Höhen zusammengezogen, und das Kräfteverhältnis war zuungunsten der Konföderierten umgeschlagen. Trotzdem gelang es ihnen, als die Angriffe endlich in Gang kamen, beide Flanken der Potomac – Armee einzudrücken und fast zu durchbrechen.

 

Für den 3.Juli beschloß Lee die Entscheidung im Zentrum zu suchen, wo er 159 Geschütze konzentrierte und drei Divisionen zum Frontalangriff antreten ließ. Am frühen Nachmittag dieses glühend heißen Tages kam der dramatische Höhepunkt des Krieges. Nach einer ohrenbetäubenden Kanonade marschierten 15 000 Konföderierte mit wehenden Fahnen wie auf dem  Paradeplatz über das freie Feld auf die Hügelstellung des Gegners los. Sie gerieten in ein verheerendes Kreuzfeuer, zwei Divisionen blieben liegen, aber die Soldaten  der dritten, Picketts Virginier, stürmten ohne Rücksicht auf Verluste weiter, und eine Handvoll von ihnen brach tatsächlich durch. Aber dann kamen Gegenangriffe frischer Unionseinheiten, und die 5000 Mann die von den drei Divisionen noch übrig waren mußten zurück. Die große Schlacht des Bürgerkrieges war vorüber.

Ein Gegenangriff kam nicht, und unbelästigt vom Gegner trat Lee am folgenden Tag den Rückzug an. Von den 75 000 Konföderierten, die a der Schlacht teilgenommen hatten, waren 28 000 tot, verwundet oder vermißt, der Gegner hatte über 23 000 verloren.

Gettysburg war ein reiner Abwehrsieg des Nordens, eine positive Entscheidung wurde nicht herbeigeführt, und der Krieg sollte in der Tat noch fast zwei Jahre fortdauern, blutiger und zerstörerischer noch als die ersten beiden Jahren. Aber Gettysburg war der letzte und größte Versuch des Südens  gescheitert, en Sieg mit eigner Kraft zu erzwingen. Von nun an konnte er nur mehr einen Abnutzungskrieg führen und hoffen, das der Kampfwille des Nordens sich erschöpfte. Zusammen mit dem Fall von Vicksburg, der einen Tag nach Lees großen Angriff, am 4.Juli, dem Nationalfeiertag, erfolgte, stellte Gettysburg  so die große und letztlich entscheidende Wende des Krieges dar. Der lange Todeskampf des Südens hatte begonnen und im Norden das Ringen um eine neue Gestalt der Nation, die aus diesem Krieg erstehen sollte.

              

                                                    

 

 

 

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